WITT "Bayreuth 3" (Deutsch Rock) (Ventil/Edel) ![]() Mit dem dritten Teil der Werkreihe Bayreuth prangert Witt erneut die gesellschaftlichen Missstände an. Typisch Witt dabei, das Blatt vor dem Mund ist nicht seine Sache. Neben dichterischen Facetten ist es erneut die klare Sprache, welche begeistert. Schluß die Zeit der Samtmalerei, sowohl die Musik als auch der Gesang sind aggressiver. Das metallische "ahhhh!!!!" wirkt wie eine introspektive Einleitung in das Werk. Alles erscheint wild und ungeschliffen, bevor die typische Romantik die brachiale Gewalt durchbricht. Weibliche Weichheit steht konträr und fast allein der Härte gegenüber. Witt ist gesangstechnisch weit davon entfernt, seine Duettpartnerin zu umarmen, er führt sie qualvoll in die Realität, welche sie zuvor mit einer vergossenen Träne offenbarte. Wer "Menschen" gehört hat, weiß endgültig, warum in der neuen Aids Reklame der Spruch "was geht das uns an" fällt. Seine romantische Seite offenbart man im betörenden "wem gehört das Sternenlicht?" Ein eher ruhiger Song, der sich perfekt dem aggressiven Anarchismus der ersten Stücke angliedert. Bereits hier wird deutlich, dass es Witt gelingt, auf vielfältiger Weise auf Missstände aufmerksam zu machen und gleichzeitig Fragen zu stellen. In "wo versteckt sich Gott" zerstört er nicht zum ersten Mal die Einheit zwischen der Institution Kirche und dem ganz persönlichen Glauben. Die menschliche Gier nach Macht hat aber nicht nur religiöse Hintergründe, der ganz allgemeine Machtmensch oder auch der Lemming (bei Witt Konformist), all das sind zentrale Themen dieser CD. Witt will nicht nur aufmerksam machen oder Hinweise geben, er lässt in "Schmutz" auch mal seine Wut aus ("irgendwann dann stopf ich den Schmutz"). In "Neuland" paart sich die rockige Struktur mit verspielter Elektronik, welche zu Beginn stampfend, im Mittelteil harmonisch erklingt. Minimalistische Unterbrechungen mit Sprechgesang vervollkommnen den Song. Explodierende Saiten, wilde Schlagzeugattacken liefern den Untergrund zu "Leben im Staub". Die Einheit der Melodie mit herrlicher Schrägheit interpretiert. Mittendrin der unverwechselbare Gesang. Stakkato trifft auf elegisch vibrierende Stimmbänder. Vokale mal als kurzzeitiges Bindeglied, mal als langatmige Variante der Eleganz. Elektronisch unterkühlt beginnt "ich spreng' den Tag", dann implodiert ein Refrain, der sprachgewaltig einen rauen Unterton in der Stimme hervorhebt. Joachim Witt ist Dichter und Denker der Neuzeit und seine variantenreiche Sprache mit klarer Aussage hat etwas philosophisches in sich. Ein Werk wie ein Urknall, obwohl Witt nichts anderes tut, als verschmitzt bis intelligent den Spiegel aus den Boxen in die Hand des aufmerksamen Hörers wandern zu lassen. Nicht einfach eine CD, sondern ein mehrfacher Hammerschlag auf die Selbstherrlichkeit des Menschen. www.joachimwitt.de (andreas) |