Verschiedene Formen des Wahnsinns

LE GRAND GUIGNOL (Circus/Horror Power/Death Metal)
Philip (vocals, lyrics, additional choirs) - Patrick (guitars, studio bass, song-writing and orchestration, arrangements, choirs) - Yves (main song-writing and orchestration, piano, guitars) - Michel (drums) - Ingo (live bass)

LE GRAND GUIGNOL sind aus der Band VINDSVAL hervorgegangen, die in ihrer Form seit 1996 aktiv waren, und nun haben die Musiker mit dem Album "The Great Maddening" einen Neustart hingelegt. Es handelt sich bei dem Album um ein faszinierendes, aber nicht einfach zu konsumierendes Werk, dem man ein paar Runden Zeit geben sollte. Der Bandname heißt soviel wie "Das große Kasperle" und ist nach dem Pariser Theater Théâtre du Grand Guignol benannt, einem in den Jahren 1897 bis 1962 auf Horror spezialisiertes, einzigartiges Theater. Passend dazu beinhaltet der Metal auch viele groteske, morbide und horrormäßige Einflüsse, wobei man den allgemein durchdringenden Wahnsinn nicht außer acht lassen darf, was die Band dann auch textlich verarbeitet. Wer Lust auf eine spannende Reise abseits vom Mainstream Metal hat, taucht am besten mal in dieses absolut gut hörbare Album ein und hört sich auf www.myspace.com/legrandguigno1 oder www.legrandguignol.com um. (eller)


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Review "The Great Maddening" lesen



Wie kam es, dass ihr den Namenswechsel von VINDSVAL zu LE GRAND GUIGNOL vollzogen habt und was bedeutet der Name?
Philip: Zu Beginn unserer musikalischen Tätigkeit als Band waren wir sehr von der nordischen Mythologie beeindruckt, und so finden sich auf unserer Demo auch Bezüge zu diesem Thema. Es liegt nahe, dass die Namenswahl dann auch durch diese Thematik beeinflusst wurde. Doch bereits als wir unsere erste CD einspielten (Imperium Grotesque - 1999) fand sich in unserer Musik überhaupt kein Merkmal mehr mit nordischer Prägung. Allerdings waren wir nach wie vor mit dem Namen ob seines Klanges und seiner Bedeutung zufrieden. Allerdings wurde uns recht schnell klar, dass man die Band sehr schnell mit einem gewissen Musikstil assoziierte, für welchen wir überhaupt nicht standen. Einerseits waren Leute enttäuscht, weil sie den erwarteten Viking/Pagan/Folk-Metal nicht vorfanden, andererseits harmonierte der Name überhaupt nicht mehr mit dem musikalischen und ideologischen Konzept.
Kurz vor der Fertigstellung des aktuellen Albums (nach 6 Jahren Arbeit quasi ein Neuanfang) haben wir dann die Chance ergriffen, um Nägel mit Köpfen zu machen und dem Kind einen passenden Namen zu verpassen. LE GRAND GUIGNOL bedeutet, grob übersetzt, soviel wie "Das große Kasperle" bzw. Puppentheater. Der Name ist allerdings nicht auf unserem Mist gewachsen, sondern gehörte zu einem Pariser Theater, welches Ende des 19. bis Mitte des 20. Jahrhunderts seine Tore öffnete und seine Zuschauer mit grotesk-morbiden Stücken verzückte. Die Mischung aus wohligem Schauer, dem Unerwarteten und dem Grenzen Überschreitenden war es, die uns diesen Namen mit der Faust aufs Auge hämmerte.



Wenn ich das Album höre, fallen mir als Beschreibung zu eurer Musik Worte wie Zirkus, Jahrmarkt und Irrenanstalt ein. Ist das eure Absicht gewesen, eurer Musik diese Note zu verleihen?
Patrick: Klingt als würden wir Zirkusmusik machen? ;-) Unsere Musik drückt wohl hier und da diese, aber auch jede Menge anderer Stimmungen aus. So wie es die Geschichten erfordern, wechseln die musikalischen Stimmungen, genauso wie in einem Film die Kulissen passend zur Szene wechseln. Wer sich die "Mühe" macht, die Texte zu verfolgen, wird wissen, worum es geht, und wird verstehen, welche Stimmung musikalisch ausgedrückt wurde. Es ist definitiv jede Note und jeder Einsatz eines jeden Instrumentes gewollt und kein Zufallsprodukt. Mir wäre es zu platt, mit ein und derselben musikalischen Kulisse eine Geschichte zu erzählen. Mir ist es auch komplett unverständlich, dass mancher Rezensent die Arrangements als unlogisch oder unkonsequent bezeichnet. Lest die Texte, und hört genau zu, dann ergibt alles perfekten Sinn. Wir haben viel Zeit damit verbracht, uns die Geschichten vor Augen zu führen, und darüber zu diskutieren, was im Detail in den Stories passiert, und welches Instrument oder welche musikalische Passage für eine Ausdruckskraft haben sollte. Schade wenn dem einen oder anderen die nötige Phantasie oder die nötige Liebe zur Musik abhanden gekommen ist, und nichts von dem versteht, was wir ausdrücken wollen. Dabei ist es wirklich einfach.



Wovon handeln eure Texte? Gibt es einen roten Faden, der sich durch das Album zieht?
Philip: Das Album beinhaltet kein umfassendes, einheitliches Konzept. Das liegt vor allem daran, dass verschiede Stücke/Texte im Abstand von einigen Jahren und unter verschiedenen Umständen entstanden sind. Allerdings handelt die Mehrzahl der Texte auf der Platte vom Streben nach dem Erreichen einer neuen Ebene (sowohl intellektuell als auch physisch) und den oft damit verbundenen verschiedenen Formen des Wahnsinns. Dieser Wahnsinn kann sich sowohl positiv als auch negativ manifestieren, kann sowohl an einzelne Personen gebunden sein als auch an globale Situationen, er kann sowohl greifbar sein und befreiend wirken, als auch Angst, Beklemmung und Hilflosigkeit hervorrufen. Manchmal wirkt er katalytisch, manchmal inhibitorisch. Einige seiner Entstehungen und Auswirkungen habe ich versucht, in unseren Texten wiederzugeben.
Die meisten Texte haben sich von selbst entwickelt. Wenn ich beginne, einen Text zu schreiben, kenne ich sein Ende noch nicht. Ich habe einige Wegpunkte, die ich passieren möchte, allerdings bleibt das Ziel bis zum Ende verborgen. Im Idealfall ergibt sich während des Schreibens eine Sogwirkung, die mich völlig von äußeren Befindungen loskoppelt und mich wie ein Blatt auf einem reißenden Strom mitzieht. Dennoch empfinde ich dieses Gefühl nicht als Bedrohung, sondern als Befreiung. Wenn ich am Ende des Schreibens mit schweißnassen Händen und Herzrasen zurückbleibe, fühle ich mich richtig lebendig und weiß, dass das, was ich soeben vollbracht habe, das Richtige ist. Es ist allerdings sehr schwierig im Nachhinein nachzuvollziehen, wieso ich gewisse Worte und Umschreibungen verwendet habe, da sie vor allem im Moment der Entstehung ihre wahre Bedeutung fanden.







Was hat euch inspiriert, so diese Art von Metal zu machen?
Philip: "Diese" Art von Metal ist einfach "unsere" Art von Metal und ergibt sich von daher ganz automatisch. Wenn man sich nicht um Genre-Konventionen und Grenzen schert und seiner Kreativität völlig freien Lauf lässt, kommt nun mal etwas Eigenständiges dabei heraus, welches zudem vollkommen der wahren Identität der Band entspricht.
Ich kann mich nicht daran erinnern, dass irgendwelche Ideen im Schreibprozess verworfen wurden, bloß weil sie "nicht ins Metal-Genre passen". Steht Metal/Rock nicht für Freiheit und Rebellion? Leider kehren sich diese Attribute seit einiger Zeit ins Gegenteil um (die Szene kontrolliert/beschneidet sich selber etc.) und die Ratte beißt sich in den eigenen Schwanz. Wir beißen lieber gleich in die ganze Ratte!



Wie war bisher das Feedback seitens Presse und Fans (auf MySpace kann man ja schon seit einiger Zeit in Songs reinhören)?
Philip: Ich würde lügen, wenn ich sagen würde: Alle sind absolut begeistert von der Platte. Allerdings gehe ich soweit und sage: Alle, die sich intensiv mit der Platte beschäftigt haben (und damit meine ich lediglich bewusstes Hinhören) sind absolut begeistert von dem Album und haben uns dies in teilweise leidenschaftlichen Vorträgen offenbart. Leider ist es so, dass es viele Leute gibt (vor allem von der Presse), die das Album vermutlich lediglich beim Bügeln nebenher gehört haben und dabei vielleicht bis zum Ende des zweiten Songs gekommen sind, bevor sie die nächste Platte im Schnelldurchlauf "gehört" haben. Dass man dann natürlich nicht versteht, worum es eigentlich geht, ist klar! Wir schreiben nun mal keine Platten bei denen man schon nach dem ersten Song weiß, wie die anderen klingen werden.
Ich kann absolut damit leben, wenn jemand unsere Musik nicht mag, Kunst ist nun mal Geschmackssache. Wer allerdings Kunst nicht versteht, sollte nicht Kritiker werden. Letzten Endes können wir uns allerdings über mangelnden positiven Zuspruch überhaupt nicht beklagen (auch von Seiten der Presse, haha).



Zu "Madness And Her Thousand Young" habt ihr einen Videoclip gedreht. Wie kam es dazu?
Philip: Nun, das war eher eine "Hau-Ruck"-Aktion, die aber letzten Endes zu einem absolut positiven Resultat geführt hat. Uns wurde die Möglichkeit gegeben, auf einem alten Militärgelände und mit einem professionellen Team zusammen ein Video-Clip zu drehen. Die eigentlichen Vorbereitungen darauf beliefen sich auf circa 2 Tage vor Drehbeginn. Allerdings kann man immer wieder feststellen, dass man mit Ideen und fähigen und motivierten Leuten einiges auf die Beine stellen kann. Der Clip an sich war harte Arbeit, da wir ziemlich unter Zeitdruck standen, allerdings verlief alles nach unserer besten Zufriedenheit. An dieser Stelle noch mal Danke an das komplette (und sehr selbstlose) Team!



Es ist sehr viel Orchestermusik zu hören. Habt ihr das mit einem realen Orchester einspielen können oder kommt alles aus dem Computer?
Patrick: Hehe... klingt echt, gell? :-) Hätte sich das irgendwie hätte finanzieren lassen, hätten wir sicher ein reales Orchester und alle weiteren Instrumente in Echt einspielen lassen. Alles ist in Partituren festgehalten und ließe sich mit einem richtigen Orchester umsetzen. Stattdessen haben wir die am Besten klingenden, real eingespielten Samples eingesetzt, und uns die größte Mühe beim Programmieren gemacht, so dass es weitestgehend real klingt. Für die nächste CD ist geplant, zumindest die wichtigsten orchestralen Melodien in Echt einzuspielen oder einspielen zu lassen.







Wenn man euer Line-Up so auf der Webseite durchschaut, tauchen immer wieder eure Beteiligungen bei bekannten Bands wie Falkenbach, Umbra Et Imago, Enid oder Advocatus Diaboli auf. Alles nur Gastauftritte oder ward ihr da neben Vindsval tiefer involviert?
Philip: Um gleich Missverständnissen vorzubeugen, bei Advocatus Diaboli handelt es sich nicht um die wohl von Dir vermutete Gothic/Wave Kapelle. Was mich betrifft, so bin ich seit Jahren sehr gut mit Vratyas von Falkenbach befreundet (Vindsval war ja auf seinem Label Skaldic Art gesignt). Als die Aufnahmen für die letzten beiden Falkenbach-Alben dann anstanden, hat er mich gefragt, ob ich nicht die Screams und gesprochenen Passagen übernehmen wolle. Da ich seit Jahren ein sehr großer Falkenbach-Fan bin, habe ich mir das nicht zweimal sagen lassen. Noch heute zaubert mir der Gedanke, dass ich bei Falkenbach gesungen habe, ein Lächeln ins Gesicht. Allerdings war ich niemals Mitglied in der Band, ich helfe lediglich meinem Freund aus, wann immer er mich braucht. So stehe ich ihm auch in Zukunft immer wieder gerne zur Verfügung.

Patrick: Im Studio-Alltag kommt es öfters zu Situationen, in denen man während einer Produktion an einem Instrument aushelfen kann, so dass es im Laufe der Jahre zu so manch einer musikalischen Beteiligung bei anderen Bands gekommen ist. Bei manchen Bands bin ich quasi "Dauer-Gastmusiker", bei anderen ist es eine einmalige Sache. Im Prinzip beschränken sich die Beteiligungen mit Ausnahme einzelner Kreativprozesse im Studio auf reine Instrumentalisten-Aktivitäten. Musik schreiben wir nur für LGG.



Da ihr ja schon mit VINDSVAL seit über 10 Jahren im Metalbereich dabei seid, was sind eure Wünsche und Hoffnungen mit LE GRAND GUIGNOL?
Philip: Ich wünsche mir vor allen Dingen, dass sich die Leute die Zeit nehmen, um sich auf unsere Musik einzulassen. Wenn sich auch nur einer davon inspiriert fühlt, selber kreativ zu werden, ist das bereits ein sehr großes Kompliment für mich. Außerdem wünsche ich mir natürlich, dass wir noch lange zusammen Musik machen werden und uns niemals die Ideen ausgehen. Ich persönlich würde mich auch sehr darüber freuen, wenn ich den Leuten weltweit meine Musik live präsentieren könnte. Musik ist eine Sprache, die man überall versteht und ich bin bereit zu reden! ;-)



Was habt ihr als nächstes geplant? Wird's Liveauftritte geben und wie könnte sowas auch visuell bei euch aussehen?
Philip: Konkretes ist bisher noch nicht geplant. Wir warten jetzt erst mal die Reaktionen der Leute ab, die CD ist ja erst seit kurzem erhältlich. Dann werden wir uns wohl wieder ans Schreiben neuer Sachen machen, schließlich wollen wir unsere Release-Rate ja ein bisschen beschleunigen! ;-)
Was das Live-Spielen betrifft, so haben wir noch keine konkreten Pläne. Das liegt vor allem daran, dass es schwierig wird, unser Material live vernünftig wiederzugeben. Uns liegt nichts daran, den Leuten eine abgespeckte Version der Album-Songs zu präsentieren. Das ist weder in unserem Sinne, noch im Sinne der Musik, noch in dem der Zuschauer. Falls wir live spielen werden, lassen wir uns auf jeden Fall etwas Besonderes einfallen, etwas, das dem Ganzen eine bestimmte neue Dimension verleiht. Natürlich ist wie so oft der Wunsch Vater des Gedanken, bzw. das Finanzielle das Ende der Träume. Bei der ganzen Akribie, die in der Aufnahme steckt, wollen wir einfach auch live das meiste bieten, was irgendwie möglich ist. Niemand soll enttäuscht werden, am allerwenigsten wir selbst. Um dies zu erreichen überstürzen wir nichts, machen uns aber alle möglichen Gedanken zur Realisierung.
Und vielleicht heißt es ja schon bald wieder: Vorhang auf im LE GRAND GUIGNOL!




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