XIII. WAVE GOTIK TREFFEN 2004 - Leipzig 28.-31.05.



Vorbericht lesen


Es ist schwer einen passenden Eingangssatz zu finden. Superlative, egal ob in negativer oder positiver Hinsicht sind keinesfalls angebracht.

Das 13. WGT ist vorbei, es war nicht das Beste und auch keinesfalls das Schlechteste. Es waren vier wunderschöne Tage, aber es waren auch vier Tage, die uns allen mal wieder vor Augen geführt haben, dass der Kommerzsumpf an allen erdenklichen Ecken der schwarzen Existenz ein großes HALLO hängt.


Photos by Harry Fayt / www.Datapix-Agency.com

Der Gesamtumsatz des WGT übersteigt mit Leichtigkeit den Saisonetat des FC St.Pauli. Man hat das Gefühl, teilweise in einem Raum Geldgeiler zu sein, deren Türen verschlossen sind wie bei einer Kaffeefahrt. Die Extrempreise für Kleidung, deren Verfallsdatum dem Kaufdatum ähnlich sind. CD's, welche das Preisniveau von WOM erreichen. Wenn irgendwelche Händler selbiges verfolgen, mag man noch geneigt sein, es zu akzeptieren. Diese Akzeptanz fällt gänzlich weg, wenn Bands ihre CD's beim Konzert anbieten. Diese Bands erklären doch die exorbitanten Preise mit Zwischenverkäufen, Handelsspannen etc. Warum kann ich dann nicht eine CD für 10 Euro verkaufen?

Essen, ein weiteres Problem. Was in und um der Agra verkauft wurde ..... Mensch Leute, wenn ich mir den Magen verderben will, ess ich Rindskopfsülze mit Eberhoden und beleg das Ganze mit Hornhautraspeln.

Bevor ich mich weiter über die Versorgungsmentalitäten aufrege, sei hier explizit auf das beste Essen, die besten Getränke, die beste Location und die besten Preise in der Moritzbastei hingewiesen.

Nun, ich schweife ab, der Grund warum man in Leipzig ist sind die Bands, abgesehen von den Massen, die sehen und gesehen werden wollen.

Hier gab es wie jedes Jahr Entdeckungen, Wiederkehrungen, Enttäuschungen und ......



Fangen wir mit den (persönlichen) negativen Enttäuschungen an.
Skeletal Family: Sicherlich eine Kultband, aber mit neuer Sängerin, vollkommener Verhunzung von "Promise Land" und schlechten Sound keine Offenbarung.

Tors of Dartmoor: Tja Jungs, mit zwei Leuten auf der Bühne zu stehen, den größten Teil vom Band laufen zu lassen, ist eine schwache und unsinnige Rückkehr nach 7 Jahren.

Diva Destruction: Emotionsloser, schlechter Gesang

Antiworld: Gothic? Deathrock? Nein, Punk mit der Vehemenz von Sid Vicious nach drei Flaschen Wodka, einem Joint, einer Crack Pfeife, einer Nase und einem Schuß.

Clan of Xymox: Tanzten sich wie immer in einem Bewegungsrausch, verzichteten auf alte Songs, welche eh jeder kennt und ... ich bin zu Scherzen aufgelegt.

Cultus Ferox: Dermaßen Fehl am Platz zwischen Eisheilig und Unheilig. Sie spielten allerdings auch nur ein Lied, das allerdings siebenmal, oder achtmal oder......



Kommen wir zu den (persönlichen) Entdeckungen.

Staub: Am frühen Nachmittag im strömenden Regen überzeugten sie mit ausdrucksstarkem Gesang und einer Performance, deren dezente Darbietung die Kraft der Worte unterstrich.

Felsenreich: Welch Qualität manchmal die kleinen Bands in ein derartiges Festival bringen, dafür könnte als Sinnbild Felsenreich stehen. Tolle Songstrukturen und variantenreich durch den Einsatz einer Trompete (!).



Ich gehe direkt über zu meinen persönlichen Highlights des Festival. Jede, der folgenden Bands wird noch mal explizit behandelt.

Catastrophe Ballet: Die Reise in der Moritzbastei lohnte sich nicht nur Geldtechnisch am ersten Tag. Ich war überrascht von der Qualität und der Energie der Band, welche eine geniale Songauswahl aus älteren, neueren und perfekt integrierten Covers darboten.

Pink turns blue: Ohne Worte (siehe Secret Discovery)

Secret Discovery: Auch wenn sie unterschiedliche Musik machen, Pink turns blue und SD sind die momentan besten Live Bands im deutschen Bereich.

The Klinik: Vor ca. 15 Jahren hatte ich die Band einmal gesehen, da waren sie grottenschlecht. Heuer lieferten sie z.B. eine geniale Version von "sick in your mind" ab.

Unheilig: Das Werk 2 war zu klein. Insgesamt eine wundervolle Melange aus Melancholie und Tanzbarkeit. Textlich sollten einige Leute mal genauer hin hören ("Freiheit")

The Crüxshadows: Soundtechnisch und musikalisch nicht immer auf dem Höhepunkt, aber gesangstechnisch und Publikumbegeisternd ohne Ende. Superstimmung in der Agra.

Mephisto Waltz: Eine gerührte Sängerin, musikalisch perfekt dargebotener alter Goth Rock, super Stimmung samt einem kräftigen Arschtritt in Richtung Kinder-Gruft von Antiworld.

Untoten: Meine Güte, was für eine Stimme, was für eine Frau, was für eine Kraft, was für Beine.

Sex Gang Children: Ihre Schrägheit, welche sich in einer melancholischen Melodie wiederfindet, wird oft kopiert aber nie erreicht.


                                  
THE CRÜXSHADOWS - Photo by Harry Fayt / www.Datapix-Agency.com

House of Usher: Diese Band spielt mit alten Cure oder Bauhaus/Joy Division Versatzstücken, beherbergt aber durch eine monotone Gesangsdarbietung eine Ausuferung der extremen Dark Musik, welche man selten zu Gehör bekommt.

Das war die Einleitung, mehr bekommt ihr nur, wenn ihr fünf Euro an folgende Kontonummer überweist..... Blabla, auch weiterhin sind wir für euch kostenlos, trotzdem dürft ihr uns gerne Berichte, Bilder etc. über das WGT senden.






FREITAG
Kaum hatte die Reise begonnen, geriet sie auch schon ins stocken. Kurz vor Hannover hielt uns ein zwölf Kilometer langer Stau auf. So kam es, dass wir anstatt der erwarteten drei Stunden über fünf unterwegs waren. Nachdem wir unser Hotelzimmer bezogen und Bändchen inklusive Pässe abgeholt hatten ging es auch gleich ins Werk 2.

Erste Band, die wir zu Gesicht und Gehör bekamen, waren EISBRECHER mit dem Ex-Megaherz Sänger. Unterkühlte, druckvolle Elektronik mit düsterer Atmosphäre wurde geboten. Bereits zu diesem frühen Zeitpunkt war die Halle recht gut gefüllt und auch die Luft liess wie immer den Sauerstoffgehalt gen Null sinken. Das meist grüne Licht und die düstere Atmosphäre glichen eher einem beengten U-Boot als einem Eisbrecher. Sänger Alexx intonierte die treibenden, mal monoton, kalten Tracks mit dunklen Vocals. Die potentiellen Szene Hits wie "Herz steht still" oder "Schwarze Witwe" brachten die Halle erstmals zum Kochen.

CULTUS FEROX hatten zwischen Eisbrechern und Unheiligen einen schweren Stand. Ihr mittelalterlicher Rock wird hauptsächlich von Dudelsäcken bestimmt, dazu verzichtet die Band weitestgehend auf Gesang und präsentiert lieber ihre gutgebauten Körper und blutverschmierten Gesichter. Handwerklich ist zwar alles auf sehr hohem Niveau, aber die Abwechslung ist gleich null und so wird es bald langweilig.

Ganz anders der Auftritt des Grafen von UNHEILIG. Er versteht es, die Menschen mit Blicken und Bewegungen in seinen Bann zu ziehen. Alles andere erledigt sein warm-romantischer Gesang und die verträumt wavige Musik. Neben alten Klassikern wie "sage ja" oder "Maschine" begeisterten vor allem das textlich geniale "Freiheit" und das tiefromantische "Herz aus Eis" vom aktuellen Album "Zelluloid".

Der Politik überdrüssig hatten wir schon überhaupt keinen Bock auf einem Gothminister, aber in der kleinen Werk 2 Halle 5 sollten heute noch "Down below" auftreten. Die Halle liegt sehr versteckt und am Eingang wurde uns mitgeteilt, dass die Vorband auf keinem Fall vor 22.00 Uhr anfängt. Ein zurück ins Werk 2 war angesichts der unendlichen Schlange (und wir wollten zu diesem Zeitpunkt sicherlich nicht das Arschloch dieses Kriechtieres spielen) war zu kompliziert. Was lag also näher den ersten Tag in der Moritzbastei ausklingen zu lassen, eine wahrlich in jeder Hinsicht gute Wahl. Zunächst besuchten wir den zwar kleinen, aber sehr feinen Mittelaltermarkt und konnten hier auch noch den Klängen einer Band lauschen. Aber Leute, was habt ihr den hier für Preise bei Speis und Trank? Euch hätte jeder Kleinbürger vor Hunderten von Jahren die Pest an den Hals gewünscht, uns reicht ein "bleibt auf euren Sachen sitzen".

Moritzbastei: Nachdem wir im Freien einige Bier in Gläsern (!) zu sozialen (!) Preisen genossen, kamen aus der kleinen Disco altertümliche Klänge (nein, nicht MA ist gemeint, sondern die guten alten Klassiker der 80er).

Zu später Stunde war dann das Gewölbe im hinteren Teil übervoll. CATASTROPHE BALLET gaben eines ihrer selten gewordenen Konzerte. Gleich als Opener wählten sie mit dem druckvollen "House of hate" einen älteren Song. Ein besonderes Schmankerl war das lange nicht mehr gespielte "Garden of Decay" vom "Transition" Album. Im Verlauf des knapp 90minütigen Auftritts gab es neben neuen Songs, einer Reihe von Stücken aus der aktuellen CD auch drei Cover Versionen, wobei vor allem die Dark-Punkige Version von Sex Pistols "Anarchy in the UK" überzeugte. Dazu kam auch noch der Sigue Sigue Sputnik Klassiker "21st Century Boy", bevor man mit dem ruhigen "Goodbye cruel world" (Pink Floyd) das Konzert beendete.
Tracklist:
House of Hate
Mother
Eyelid backspace poem
Garden of Decay
Hell is not a place
Unclean
Love is dead
In the moment
Reinforce your mind
Nothing
Anarchy in the UK
21st Century Boy
Goodbye cruel world


GUTE NACHT erster Tag.






SAMSTAG
Das erste Aufwachen in fremder Umgebung hat ja immer etwas besonderes. Die Fragezeichen im Kopf sind ein nicht durchdringendes Etwas, bis man den Lichtschalter gefunden hat. Ach so, hier bin ich. Das ansonsten von Geschäftsreisenden aufgesuchte Telekom Hotel strahlte beim dezenten Frühstücksbuffet in Schwarz. Neben jedem Teller lag der gefaltete Ablaufplan. Wo uns die Reise hin führen würde war klar, zur Parkbühne.

Der Sonnenschein begrüßte ca. 50 Gäste beim spanischen Opener VENEND PARA LAS HADAS. Ihre Musik glich einer elektronischen Ausgabe von Dead can Dance, war aber auf die Dauer nervtötend und langweilig.


THE CASCADES - Photo by Harry Fayt / www.Datapix-Agency.com

Etwas Schwung in die Angelegenheit brachten dann die Berliner Goth Rocker THE CASCADES. Ein durchgestyltes Programm zwischen sphärischen Gitarren, verspielten Keys und melancholischem Goth bekam man geboten. Die Parkbühne wurde minütlich voller und so spielte die Band vor ca.1000 Besuchern. Bis auf eine Ausnahme ("Hexeneinmaleins") wurden Stücke des neuen Albums ("Spells and Ceremonies"), dessen Titelstück auch als Opner fungierte, gespielt. Politisch wurde man bei "Ground Zero", als man den Michael Moore-Satz "shame on you Mr. Bush" als Einleitung wählte.
Tracklist
Spells and Ceremonies
The Sea of Love
Revolution Gone
Hexeneinmaleins
Ground Zero
Disappointed
Ihr werdet sein

Dann kam die Band, welche alle folgenden Bands an diesem Parkbühnentag in Grund und Boden spielte, PINK TURNS BLUE. Zu dieser Band ist bei Amboss bereits alles geschrieben worden, wer sie nicht kennt, hat seine schwarze Kleidung aus dem Otto Katalog. Bereits der Opener "Your master is calling" zeigte die Qualität der Band. Wie immer in der langen Version (heuer wieder über zehn Minuten) besticht dieser Song mit einer Atmosphäre und einer durchdringenden Melodie, für die andere Bands sterben würden. Und auch im weiteren Verlauf reihte sich Klassiker an Klassiker. Die Klasse von Songs wie "if two worlds kiss" konnte selbst The Cure nur zweimal erreichen. Sänger Mic war sichtlich gerührt angesichts der Stimmung, während Tom sein Gitarrenspiel sehr ausschweifend einbrachte. Was mit einer Stimme für Gänsehautatmosphäre erzeugen kann, bewies man mit durchdringen Vocals, die auch mal in aus der Verzweiflung geborenen Wut endeten. Weitab von Parolen, wird hier die Prosa der Texte in einer Form dargeboten, die den Hörer mit Gänsehaut zurücklässt. Warum diese Band nicht Top Act an diesem Tag war, weiß nur der Veranstalter. Grandios inszenierte man das Schlussstück "Michelle" als Mischung aus Original-Version und tanzbare Variante. Als die Stimmung den Siedepunkt erreichte, war einer der absoluten Höhepunkte des Festivals auch schon vorbei.
Tracklist:
"Your master is calling"
"I couldly stare out"
"The First""
"Walking on both sides"
"If two world kiss"
"Catholic Sunday"
"7 Years"
"Michelle"

PINK TURNS BLUE - Photo by Harry Fayt / www.Datapix-Agency.com

Und dann war die Parkbühne einmal mehr Beweis dafür, das nur ganz wenige den Dark Wave und seine Emotionen auch auf den Hörer übertragen können. Nach PTB zu spielen dürfte für die drei folgenden Bands eher Qual statt Highlight gewesen sein.

Als erstes SANGUIS ET CINIS. Ein Name und eine hübsch anzusehende Frontfrau scheinen zu reichen, um mit Alternativ Pop Einzug in die schwarze Szene zu halten. Musikalisch und gesanglich hat man hier nichts auszusetzen, aber ihr Gruft-Bildnis lässt sich einfach nicht mit der Musik im Einklang bringen, dazu kam eine ganz schwache und absolut unnötige Version von "Rock me Amadeus". Wenn die Band sich allein auf ihre Stärken beziehen, halt leicht dunklen Pop mit hingebungsvollen Gesang zu präsentieren, gibt es keine Angriffspunkte. Das Programm wurde solide und gekonnt gespielt, aber dieses Cover ließ bereits früh viele Abwinken und eher an die Schlangen vor dem Klo, dem Bierstand oder dem Ausgang anzustehen.

SANGUIS ET CINIS - Photo by Harry Fayt / www.Datapix-Agency.com

DIVA DESTRUCTION: Der Name ist nicht ganz so prägnant und spiegelt die Musik sehr gut wieder. Was sich auf CD gut anhört, wird Live zum Offenbarungseid.

Dann wären wir auch gleich bei den Nein-ich-beweg-mich-nicht-Künstlern von CLAN OF XYMOX. Während die neuen Songs derart mit Elektronik vollgesogen sind und das ewig gestrige in wundervoller Harmonie seinen Untergang feiert, bleiben alte Fans verstört und neue Fans verstört. Obwohl meine Lehrerin hier ein großes Rot für Wortwiederholungen einsetzen würde, sagt es alles. Auf anderen Seite ist aber doch immer wieder schön, Wave Klassiker wie "Louise" oder "Stranger" zu hören.

Nun gut, die Parkbühne versank im dunklen Rosa, als die Sonne der oberen Erdhälfte überdrüssig, sich verabschiedete. (Kitsch as Kitsch can)

Das Bett und die Entspannung war nah, aber nein, es sollte doch noch ein bißchen mehr sein und so ließen wir unser Hotel während der Strassenbahnreise mal ganz einfach links liegen und starteten durch zum Agra.

Brechend voll war die Hütte während die gutgekleideten Herren von COVENANT ihre Version von Synth Pop und Future Pop kredenzten. Aber der Sound war mies, die Luft war mies, ich war müde, meine Begleitung war todmüde. Im hinteren Bereich war noch ein kleines Luftloch mit Sauerstoff gefüllt, schnell atmen und dann noch ein Bier. Es wurd später und später ...

Dann war es endlich soweit, THE KLINIK standen auf der Bühne und lieferten so etwas wie ein Best Of Konzert ab. Die Stimmung erreichte bereits nach kurzer Zeit ihren Siedepunkt. Als vierter Song dann der Höhepunkt, "sick in your mind", perfekt dargeboten und mit einer Vehemenz gesungen, halt purer sick in your mind. Aber auch andere Klassiker der späten 80er der Belgier bekam man heute zu hören. Jahrelang war das Duo getrennt und war heuer als Vereinigung sehr nostalgisch was die Songauswahl anging. Dirk und Mark lieferten eine kompromisslose Darbietung an tanzbarer EBM und so mancher sah sich zurückversetzt in die späten 80er.





SONNTAG
Der dritte Tag begann sehr schleppend, ein faules Quälen aus dem Bett und wartend auf den frühen Nachmittag. Heute ging es in die große Agra Halle, das verhieß zunächst keinen Soundgenuß.
Erste Band waren die Melancholic Waver von COLD. Ihre Musik ist tiefverwurzelt in den frühen 80ern und eng verbunden mit The Cure. Die Band hatte als Opener in der riesigen Halle kein leichtes Spiel. Doch gelang es ihr mit erhabenen, düsteren Gitarren Wave die kleine Meute in Stimmung zu versetzen. Dunkel, warme Stimmbänder legten sich über verwaschenes Riffing und sphärische Keys. Live gefällt mir die Band wesentlich besser als auf CD.

SKELETAL FAMILY: Man durfte gespannt sein, was diese Kultband mit neuer Sängerin bieten würde. Tja, es war nichts, ein vollkommen neuer Sound, der angesichts der massig daherkommenden Female Goth Bewegung nichts mehr zu bieten hat. Zwar ist es handwerklich gutgemachter Goth Rock mit teilweisen Metal-Anleihen, hat aber mit der Ursprünglichkeit rein gar nichts mehr zu tun.

HOUSE OF USHER gehen musikalisch einen ähnlichen Weg, doch ihr besonderes Merkmal ist der monoton-sonore Gesang. Fast rezitierend schleicht die Stimme über melancholische Saiten, deren dezente Ausbrüche sich einer elegischen Atmosphäre unterwerfen. Geschockt schien der Sänger angesichts des riesigen Kamera-Arms, der immer wieder auf ihn zuschwebte und ihn immer wieder zu einem verstörenden Kopfschütteln aufforderte.

Die Glam Rocker DEATHSTARS enttäuschten, obwohl ihre Musik gut gespielt war. Das Gehabe auf der Bühne verkam doch zusehends zu einer billigen Komposition zwischen Alice Cooper, Kiss und Lords of the New Church. Einige potentielle Hits beherbergte das Set trotzdem und so kam bei dem ein oder anderen Stück gar Stimmung auf.


UNTOTEN - Photo by Harry Fayt / www.Datapix-Agency.com      UNTOTEN waren für mich der Höhepunkt des Tages. Sängerin Greta bestieg die Bühne mit nichts weiter bekleidet als mit schwarzen Engelsflügeln. Nachdem ich meine erotisch verwirrten Augen rieb, erkannte ich dann doch die korsettierte Hülle über ihren Körper und genoß fortan ohne Hintergedanken den Opener "Raben", erster Ausblick auf Teil 2 der Trilogie und aktuelle Single-Veröffentlichung. Bei der erhabenen Darbietung von "willst Du?" schrie ich ein imaginäres Ja, bis mich die Menge aus meinen Tagträumereien holte. Greta gelang es spielerisch, wenn auch erotisch verrucht das Auditorium in ihren Bann zu ziehen. Angedeutete lesbische Spielereien sprengten immer wieder die Stretch, aber was vor allem musikalisch und gesanglich geboten wurde, war aller Ehren wert. Verschnörkelter Gothic mit eindringlichen Chorus und 20er Jahre Refrain. Klasse. Nicht so klasse war das anschliessend auf der Bühne stattfindende Interview. Vorbereiten sollte man sich schon. Ich meine den Fragensteller.

THE CRÜXSHADOWS: Rogue ist wahnsinnig und Menschenmengen werden diesen Wahnsinn nicht reduzieren. Exstatisch wild tanzte er durchs Publikum, sah die Bühne meist aus den Augen des Auditoriums. Zwei Tänzerinnen am jeweiligen Rand standen somit Spalier für die wildgewordene Geige, die sich wohltuend traurig über die elektronischen Extravaganzen der Amerikaner hob. Animateur Rogue versuchte stattdessen mit persönlichen Kontakten jeglichen, aber auch wirklich jeglichen ach so müden Besucher zum Tanzen zu animieren. Was wäre Rogue ohne die Erfindung eines Headphones. Neben neuen Stücken, dürfte vor allem "Marylin" einen bleibenden Abschluß hinterlassen haben.

Wesentlich introvertierter kamen SEX GANG CHILDREN daher. Ihr 80er Wave Sound hat in Andi aber eine ebenso tragende Figur. Sein heller Gesang dürfte in der Dark Wave Szene einzig sein. Neben alten Hits wie dem betörenden "Barbarossa" gab es auch einen Einblick in die letzten beiden Alben und einen dezenten Ausblick auf die Zukunft. Ein eher ruhiger, fast melancholischer Abschluß des Tages.
SEX GANG CHILDREN - Photo by
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MONTAG
Der letzte Tag beginnt turnusmäßig mit der Revue, die man um sein geistiges Auge passieren lässt.
Die Sonne ließ sich hängen, hatte aber zu Beginn von FELSENREICH noch das Zepter in der Hand. Nur wenig Leute bevölkerten die Stufen der Parkbühne. Felsenreich zeigten sich abwechslungsreich, hatten neben Dark Wave, sehr eindringliche Melodien zu bieten und überzeugten auch mit einen charmanten Hang zum betörenden Refrain.

Angesichts des Platzregens konnten STAUB ihrem Namen nicht alle Ehre machen. Obwohl fast jeder, bis auf vier Ausnahmen das Dach über'm Haupt suchte gab der Sänger alles. Und schlussendlich teilte er gar die Nässe mit drei tanzenden und einer sitzend tropfenden Gestalt.

TORS OF DARTMOOR: Als erstes sei mal positiv erwähnt, dass sich die Band der Geldmacherei widersetzt und sämtliche Alben zum Schleuderpreis von 5 Euro unter die Menge schmiß. Live enttäuschte die zu einem Duo geschrumpfte Band allerdings maßlos. Bis auf die Gitarre und Gesang kam alles andere vom Band. Das machen andere auch, aber die machen halt kein Goth Rock.

Dass man beim WGT nicht vor Überraschungen gefeiht ist, bewiesen KOMU VNYZ aus der Ukraine. Für diesen Auftritt waren sie 24 Stunden in einem PKW unterwegs. Ihre Musik ist eine Schnittstelle zwischen In Extremo, Rammstein und melancholischem Pop. Dazu boten sie ein Schmankerl in Form eines alten Nena Songs, welches sie gekonnt in ihre Musik integrierten. Gute Rückreise.

ILLUMINATE betraten mit neuer Sängerin die Bühne und hatten hier auch gleich ihren Schwachpunkt ihres eigentümlichen Schlager Goth. Kitsch bis der Arzt kommt.


SECRET DISCOVERY - Photo by Harry Fayt / www.Datapix-Agency.com
Die Weicheier wurden dann nicht vom Regen weggespült, sondern von den Bochumern SECRET DISCOVERY an die Wand gepresst. Melodie und Härte paarten sich zum melancholischen Stelldichein. Goth Metal meets Pop der 80er und wird von einer wahrhaft durchdringenden Stimme intoniert. Egal ob die druckvoll rockige Variante mit "colour my Life" bedient wurde, oder die poppig verspielte 80er Eleganz über "down" thronte, die Band hat Live einiges zu bieten. Die Saiten mal brachial, dann wieder hingebungsvoll melodisch den warmen Gesang unterstützend. Klasse.

Wenn ich etwas vergessen habe, habe ich es aufgrund der Überschneidungen einfach nicht gesehen oder es war nicht erwähnungswürdig :-)